ausgaben
ausgabe 08
 
rubriken
locales
 
 
locales
die neue firstlady
schlüsselreize
ich, lektor
 
SCHLÜSSELREIZE

   | Kristina Engler. Warum eigentlich muß schon wieder ich die „BILD“ nachlesen? Es reicht mir, bei jedem Blick aus dem Fenster mit dem Springer-Hochhaus konfrontiert zu werden. Noch vor einem Jahr, damals fing ich an, bei einem Presse-Dienst zu arbeiten, kam mir die unmittelbare Nähe zum historischen Zeitungsviertel um die Kochstraße wie ein stimmiges Umfeld vor, um mein Publizistik-Studium zu finanzieren. Landaumedia aber hat nichts zu tun mit derlei hehren Traditionen. Wir erzeugen keine journalistischen Produkte: wir wühlen uns nur tagtäglich durch den immensen Ausstoß an Halbinformationen, den die Printmedien in wachsender Gleichschaltung zum Fernsehen produzieren. Und weil ein Großteil unserer Kunden Wirtschaftsunternehmen sind, die sich und ihre Konkurrenz in der Öffentlichkeit gut und frühzeitig beobachtet wissen wollen — man nennt das Medienresonanzkontrolle —, beginnt mein Tag schon um 4 Uhr 30 mit der Lektüre des „Handelsblatts“. Da geht es dann um Börsenschwankungen, ungehinderte Weltkonjunktur- und Absatzschwierigkeiten von elektrischen Zahnbürsten, als bräuchte die tatsächlich irgend jemand. Noch schlimmer sind die Blätter, die „Mr. President — bitte retten Sie die Welt!“ titeln und trotzdem nicht auf den „Sex-Spielzeug-Report“ verzichten können. Das ist nicht wirklich Lesen; wir fahnden vielmehr wie auf bestimmte Schlüsselreize getrimmte Roboter, die nicht nach rechts und links sehen dürfen, nach den zum Erstellen unserer sogenannten Presse-Clippings relevanten Suchbegriffen. Ewig wiederholte Agentur-Meldungen sind schon die halbe Miete. Mich hat an dem Job ursprünglich mal die Vielfalt an berichtenden Stimmen interessiert... na ja. Die Augenringe, entstanden durch permanenten Schlafentzug, sind auch noch zu vertreten, aber daß mein Gehalt aber nicht mal ein anständiges Zeitungs-Abo erlaubt, läßt mich jetzt doch ernsthaft an Kündigung denken.